Vom Alkoholverbot zum Streetwork-Projekt – Die Chronologie einer politischen Entscheidung in Buchholz.
Manchmal beginnt eine kommunalpolitische Debatte nicht mit Ideologie, sondern mit einer Beobachtung. So auch in Buchholz in der Nordheide. Was heute als Streetwork-Projekt im Umfang von rund 240.000 Euro diskutiert wird, begann ursprünglich mit einer ordnungsrechtlichen Einschätzung der Stadtverwaltung.
Am 20. Mai 2025 legte die Verwaltung unter Bürgermeister Jan-Hendrik Röhse die Ratsvorlage VO 21-26/0786 vor: „Verordnung zur Beschränkung des Alkoholkonsums im öffentlichen Straßenraum in der Innenstadt von Buchholz“. Grundlage war §55 des Niedersächsischen Polizei- und Ordnungsbehördengesetzes. Die Verwaltung stellte darin fest, dass sich insbesondere rund um Kabenhof, Peets Hoff, Bahnhofsumfeld und zentrale Aufenthaltsbereiche eine Situation entwickelt habe, die das subjektive Sicherheitsgefühl der Bevölkerung beeinträchtige. Obwohl die Zahl schwerer Straftaten niedrig blieb, sei entscheidend, dass Bürger bestimmte Bereiche zunehmend mieden.
Die vorgeschlagene Lösung folgte klassischer kommunaler Gefahrenabwehr: eine räumlich klar definierte Alkoholverbotszone, befristet auf ein Jahr, mit möglichen Bußgeldern bis zu 1.000 Euro. Gastronomie und Veranstaltungen sollten ausdrücklich ausgenommen bleiben. Ziel war nicht Bestrafung, sondern die Wiederherstellung gleichberechtigter Nutzung des öffentlichen Raums.
Die politische Beratung begann am 4. Juni 2025 im Ausschuss für Bauen, Ordnung und Feuerschutz, wurde am 19. Juni 2025 im Verwaltungsausschuss fortgeführt und sollte schließlich am 23. Juni 2025 im Rat entschieden werden. Zu diesem Zeitpunkt schien der Weg klar: Die Stadt hatte ein Problem identifiziert und schlug ein ordnungspolitisches Instrument vor.
Doch bereits während der Beratungsphase veränderte sich die politische Diskussion grundlegend.
Am 18. Juni 2025 brachte die FDP-Fraktion einen Ergänzungsantrag ein. Statt eines Verbotes sollten soziale Ursachen stärker berücksichtigt werden. Prävention, Integration und sozialarbeiterische Begleitung rückten zunehmend in den Mittelpunkt. Die Debatte verschob sich damit von der Frage der Ordnungspolitik hin zu einem sozialpolitischen Lösungsansatz.
Im weiteren Verlauf des Jahres wurde das Alkoholverbot politisch nicht umgesetzt. Stattdessen fasste der Rat am 29. September 2025 einen Beschluss, alternative Maßnahmen prüfen zu lassen. Die Verwaltung begann daraufhin mit einem fachlichen Beteiligungsprozess unter Einbindung verschiedener sozialer Träger, darunter Jugendsozialarbeit, Diakonie, Reso-Fabrik sowie der Herbergsverein Winsen (Luhe) und Umgebung e.V.
Das Ergebnis dieses Prozesses wurde am 9. Januar 2026 in der Informationsvorlage VO 21-26/0824.003 vorgestellt: ein ergänzender Maßnahmenkatalog zur Innenstadtproblematik. Kernpunkte waren der Aufbau einer aufsuchenden Straßensozialarbeit für Erwachsene sowie die Einrichtung eines Tagesaufenthalts im Innenstadtbereich. Die Verwaltung betonte ausdrücklich, dass zunächst Beziehungen aufgebaut werden müssten, um überhaupt belastbare Erkenntnisse über Bedarfe zu gewinnen.
Gleichzeitig wurden erstmals konkrete Kosten benannt. Für 1,5 Vollzeitstellen Sozialarbeit seien durchschnittlich etwa 120.000 Euro jährlich einzuplanen. Für den vorgesehenen zweijährigen Projektzeitraum ergaben sich somit 240.000 Euro Personalkosten, während Miet- und Betriebskosten für geeignete Räumlichkeiten zu diesem Zeitpunkt noch nicht beziffert werden konnten.
Damit hatte sich die politische Ausgangslage vollständig verändert.
Aus einer ursprünglich ordnungsrechtlichen Maßnahme zur Begrenzung öffentlichen Alkoholkonsums war ein sozialpolitisches Projekt mit sechsstelligen Haushaltsauswirkungen geworden.
Diese Entwicklung wurde öffentlich sichtbar, als regionale Medien Anfang 2026 berichteten, Buchholz wolle nun 240.000 Euro in Streetwork investieren statt ein Alkoholverbot umzusetzen. Die politische Entscheidung hatte damit endgültig den öffentlichen Raum erreicht.
Besonders aufschlussreich war die Diskussion im Ausschuss für Soziales, Jugend, Kultur sowie Seniorinnen und Senioren am 23. Februar 2026. Dort zeigte sich, wie stark das Thema inzwischen emotional aufgeladen war. Während Vertreter der Ratsmehrheit vor allem präventive und integrative Ansätze betonten, wurde die ursprüngliche Sicherheitsdebatte teilweise in den Hintergrund gedrängt.
Parallel entwickelte sich eine intensive Bürgerdebatte außerhalb des Ratssaals. In sozialen Netzwerken, Leserkommentaren und lokalen Diskussionsgruppen äußerten zahlreiche Bürger ähnliche Gedanken: Nicht Ablehnung sozialer Hilfe stand im Vordergrund, sondern die Frage nach Prioritäten. Viele stellten fest, dass zunächst ein Alkoholverbot diskutiert wurde, anschließend jedoch ein kostenintensives Projekt entstand, obwohl die tatsächlichen Bedarfe laut Verwaltung erst noch ermittelt werden müssen.
Diese Bürgerstimmen zeigen ein bemerkenswert konsistentes Muster. Es geht weniger um Ideologie als um Nachvollziehbarkeit politischer Entscheidungen. Warum wird ein ordnungspolitischer Ansatz verworfen, während gleichzeitig neue dauerhafte Strukturen aufgebaut werden? Wird damit die ursprüngliche Problemlage tatsächlich verbessert, oder verschiebt sich lediglich der politische Fokus?
Die AfD-Fraktion hat diese Entwicklung über Monate hinweg aufmerksam begleitet. Bewusst wurde zunächst auf schnelle Stellungnahmen verzichtet, um den politischen Prozess vollständig zu beobachten. Heute lässt sich jedoch festhalten: Buchholz hat keinen einfachen Richtungswechsel vollzogen, sondern eine grundlegende Neugewichtung kommunaler Politik vorgenommen.
Die Stadt steht nun vor einem praktischen Test. Streetwork und Tagesaufenthalt werden daran gemessen werden müssen, ob sich das Sicherheitsgefühl im Innenstadtbereich tatsächlich verbessert, ob Konflikte abnehmen und ob öffentliche Räume wieder uneingeschränkt von allen Bürgern genutzt werden können. Sozialarbeit kann ein wichtiger Bestandteil kommunaler Verantwortung sein. Sie ersetzt jedoch nicht automatisch ordnungspolitische Maßnahmen.
Kommunalpolitik entscheidet sich selten in großen Reden. Sie entwickelt sich Schritt für Schritt – über Vorlagen, Ausschüsse, Ergänzungsanträge und Beschlüsse hinweg. Die Geschichte des Buchholzer Alkoholverbotes zeigt exemplarisch, wie aus einer Verwaltungsanalyse eine grundlegend andere politische Lösung entstehen kann.
Die kommenden Jahre werden zeigen, ob dieser Weg erfolgreich ist. Als Opposition werden wir diesen Prozess kritisch, sachlich und transparent begleiten. Denn am Ende geht es nicht um parteipolitische Bewertungen, sondern um die Frage, wie sich Buchholz als lebenswerte, sichere und zugleich soziale Stadt weiterentwickelt.
Die Debatte ist damit nicht beendet. Sie hat gerade erst begonnen.
Bleiben wir in Fühlung.






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